Lärmmessung mittels Leitpfosten – Regierung gegen Motorradlärm

Präsentation des Messsystems auf der gut besuchten Löwensteiner Platte

Präsentation des Messsystems auf der gut besuchten Löwensteiner Platte

Am vergangenen Mittwoch, dem 06.07.2014, fand auf dem Motorradtreffpunkt „Löwensteiner Platte“ an der B39 zwischen Löwenstein und Hirrweiler eine Präsentationsveranstaltung der Polizei und dem Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden Württemberg (MVI) statt. Thema war dabei der Einsatz eines neuartigen Messsystems, das in herkömmlichen Leitpfosten integriert bisher nur für Verkehrszählungen genutzt wurde, aber mit Hilfe von nachgerüsteten Mikrofonen auch zur Erfassung des Lärmpegels an der Straße genutzt werden kann.

Lärmpegelmessung per Leitpfosten

Lärmpegelmessung per Leitpfosten

Laut Hersteller RTB und MVI liegt der Schwerpunkt des Einsatzes auf dem Monitoring von bestimmten Straßenabschnitten, um die Lärmbelastung von Anwohnern aufzeigen und bewerten zu können. Schwerpunktmäßig hat man dabei die Motorradfahrer im Visier. Aber auch für Verkehrskontrollen soll das System zukünftig genutzt werden können. Ob sich mit dieser Messapparatur aber wirklich einfach so ein bestimmter Pegel messen läßt, interessierte mich doch sehr – deswegen begab ich mich zur Präsentation und schaute dem Hersteller und anwesenden Organisationen mal über die Schultern.

Landes-Innenminister Reinhold Gall (SPD)

Landes-Innenminister Reinhold Gall (SPD)

Lärmschutzbeauftragte Dr. Gisela Splett (Die Grünen)

Lärmschutzbeauftragte Dr. Gisela Splett (Die Grünen)

 

 

 

 

Dass das Thema Verkehrslärm, vor allem verursacht durch Motorräder, eine gewisse Brisanz beherbergt, ließ sich spätestens bei der Ankunft der schwarzen Limousinen samt Polizeieskorte vor Ort erkennen. Landes-Innenminister Reinhold Gall (SPD) und Lärmschutzbeauftragte Dr. Gisela Splett (Die Grünen) gaben sich die Ehre und beantworteten bereitwillig die Fragen der anwesenden Reporter von Funk und Presse. Der Tenor war immer der gleiche: man ist gegen Motorradlärm und hält mit diesem Messsystem ein probates Mittel in der Hand, um gegen lärmende Raser vorzugehen, wenn es denn nach Beendigung der Testphase die serienreife Zulassung erhält.

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Die Öffnung für das Mikrofon

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kaum zu erkennen, die Öffnung

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Der Test-Leitpfosten an einer extra Halterung

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Das Innenleben der Leitpfosten

Konzentriert man sich auf die technischen Details der Anlage, so besteht diese aus einem Sammelsurium elektronischer Komponenten und Messeinrichtungen. In einem herkömmlichen Leitpfosten untergebracht ist die Elektronik in der Lage, mittels zweier Radarsignale die Geschwindigkeit eines vorbeifahrenden Fahrzeuges zu bestimmen. Gleichzeitig wird mit diesem Radarsignal die Fahrzeuglänge bestimmt, ebenso die Anzahl der Achsen und eventuelle Anhänger o.ä., d.h. die Software kann mit Hilfe dieser Daten bestimmen, ob es sich dabei um ein KRAD, PKW, LKW, BUS oder Gespannfahrzeuge handelt und kategorisiert dieses zu einer bestimmten Fahrzeuggruppe. Per GPS kann die Position des Messsystems bestimmt werden und Funktechnik überträgt die gemessenen Werte an eine zentrale Auswerteeinheit. Im aktuell getesteten System ist zusätzlich ein Mikrofon verbaut, dass zum Zeitpunkt des Passierens den lautesten Pegelausschlag des Fahrzeuges messen kann. Aufgrund der typischen Position des Auspuffes am Fahrzeugheck wird somit auch die Fahrtrichtung bestimmt. Kostenpunkt pro Pfosten inkl. notwendigen neuen Sockels im Erdreich liegt je nach Ausstattung und Ausführung bei 2.000 – 4.000 €.

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Das Mikrofon in Großaufnahme

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Größenvergleich

Laut Aussage des Herstellers RTB, vertreten vor Ort durch den Geschäftsführer Hr. Rudolf Broer, ist die Mikrofonanlage schon einmal seitens BASt zertifiziert worden und misst mit einer Genauigkeit von 90%. Viel – aber nicht ausreichend und vor allem nicht Normgerecht, um die gemessene Zahl rechtlich belastbar zu machen. Das ist, vorerst, auch nicht das erklärte Ziel, sondern mit Hilfe des Systems soll für die Polizeibeamten bei Verkehrskontrollen eine Vorauswahl getroffen werden können, um Lärmsünder gezielt herauszufischen und nähere Untersuchungen nach der herkömmlichen Methode am Fahrzeug vornehmen zu können.

Vor Ort waren zwei Anlagen aufgebaut, eine direkt an der Löwensteiner Platte, die andere 3km entfernt, die live den vorbeifahrenden Verkehr erfasst und ausgewertet haben. Rein äußerlich ist die Technik in den Leitpfosten kaum zu sehen. Lediglich ein kleiner schwarzer Punkt an der Stirnseite des Pfostens und ein techn. Hinweisaufkleber auf der Rückseite sind Indizien für die verbaute Technik. Die Stromversorgung wird über einen ca. 60cm langen Akku realisiert, der ebenfalls im Leitpfosten steckt und eine Laufzeit von ca. 14 Tagen gewährleisten kann. Reflektionen von Leitplanken oder Bebauung hinter den Leitpfosten haben laut Aussage des Herstellers keinen Einfluss auf das Messergebnis. Das Mikrofon besitzt durch seine Einbaulage eine Richtcharakteristik und nimmt daher nur direkt frontal eintreffende Schallwellen auf. Allerdings dürfen sich gleichzeitig auf der gegenüberlegenden Straßenseite ebenfalls keine stark reflektierenden Objekte wie z.B. Steinwände befinden. Die Erkennung der vorbeifahrenden Fahrzeuge stimmte zu 100% während ich dabei stand und beobachtete. Den gemessenen Pegel zeigt das Programm direkt an, jedoch war die Grenze von 80 dB(A) an dem Kontrollpunkt, der sich auf einer abschüssigen Straße befand und fast alle Fahrzeuge durch den Menschenauflauf und die anwesende Polizei ohne Gas mit 50 km/h vorbeirollten, von fast allen Fahrzeugen schon erreicht. Wie sich dieser Wert in Verbindung mit Gaszugabe bei Konstantfahrt bzw. auch bei Geschwindigkeiten oberhalb von 50 km/h erreichen soll, ist mir ganz ehrlich ein Rätsel. Da übernehmen Wind- und Rollgeräusche schon einen Mamutanteil dieses Grenzwertes.

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Die Anzeige der Messung

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gut getarnt; die Öffnung ist schwer zu erkennen

 

 

 

 

Ich habe mich gegen Ende der Veranstaltung noch mit einem Vertreter des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur unterhalten. Hauptpunkt war dabei die Vorgehensweise für ein Streckenmonitoring, wie sie bereits in einem ersten Testlauf auf einer Bergstrecke bei Präg im Landkreis Todtnau (Südschwarzwald) durchgeführt wurde. Dort wurden in Abständen von 200m diese neuen Leitpfosten aufgestellt und über einen längeren Zeitraum die akustische Pegelverteilung auf der Strecke aufgezeichnet. Es wurden dabei Parameter registriert wie Art der Fahrzeuge, Geschwindigkeit, Pegel aber auch der Wochentag, Uhrzeit und der witterungsbedingte Zustand der Fahrbahn (z.B. regennass). Wie man den letzten Punkt herausgefunden hat, habe ich aus seinen Worten nicht nachvollziehen können. Fakt ist aber, dass der Pegel bei nassen Straßen höher ist und ich es gut finde, wenn man diesen Punkt nachvollziehen kann. Über den gemessenen Zeitraum wird bei einem Monitoring die Anzahl und vor allem die Verteilung der Fahrzeugtypen erfasst. Das ist wichtig, da nach seinen Aussagen dieser Lärmbewertungswert nach gültiger DIN-Norm nicht gemessen, sondern nur gerechnet werden darf! D.h. diese Verteilung wird nach bestimmten Algorithmen einbezogen und verrechnet. Insofern kann man die gemessenen Zahlen nicht 1:1 übertragen, sondern muss erst die Berechnung nach alter Methode durchführen. Ob das nun gut oder schlecht ist, kann ich nicht beurteilen, da ich die besagte DIN und ihre Berechnungsgrundlagen nicht kenne. Zumindest ist diese Methode genauer, als die bisherigen Bewertungen. Die DIN-Norm zu ändern wäre ein Kraftakt, der zeitlich und sicher auch finanziell nicht von heut auf morgen zu bewältigen wäre, so die Aussage des MVI-Mitarbeiters. Allerdings mußte er sich dann die Frage gefallen lassen, ob man sich die Entwicklungs- und vor allem die Anschaffungskosten (man bedenke: bei dem Monitoring im Schwarzwald kostete Streckenkilometer mit Messtechnik gemittelt ca. 15.000€!) nicht sparen oder anderweitig in Sanierung und Ausbau mit Sicherheitseinrichtungen (z.B. Unterfahrschutz) einsetzen kann, wenn es für die erhaltenen Messwerte sowieso keine rechtliche Grundlage zur Verwertbarkeit ohne Verfälschung durch bestehende Rechenalgorithmen gibt. Man stehe in diesem Augenblick vor einem Henne-Ei-Problem (was war zuerst da?) und hat doch scheinbar Bestrebungen die DIN aufzuweichen oder abzuändern, wenn man so viel Geld und Zeit investiert? Aussage war hier, dass man sich dem Fortschritt in der Messtechnik nicht verwehren möchte. Neue Systeme werden entwickelt und entstehen zwangsläufig durch die Entwicklung anderer Techniken, die dann adaptiert eingesetzt werden können. So richtig ging er auf meine Frage nicht ein. Er betonte weiterhin die massiv gestiegene Zahl von Verkehrstoten im laufenden Jahr 2014, die prozentual weit über der von 2013 liegt. Das Argument der witterungsbedingt längeren Saison (im Mai 2013 lag noch Schnee und im Februar 2014 waren Touren durchaus schon möglich) und der damit im Mittel annähernd gleichen Unfallopferzahlen pro Monat wollte er nicht gelten lassen. Jeder Tote ist einer zuviel und damit bekommen Kontroll- und Präventionsmaßnahmen wie Streckenkontrollen etc. eine Daseinsberechtigung. Auf Nachfrage, warum man bei einer so starken Konzentration & Einbeziehung auf die Verkehrstoten-Zahl nicht die Gelder doch lieber in passive Sicherheitseinrichtungen wie den bekannten Unterfahrschutz (www.mehrsi.de) investiere, wurde auf die bereits sehr hohe Zahl an Streckenkilometern mit bereits installiertem Unterfahrschutz in Baden Württemberg (nachzulesen auf der MehrSi-Homepage, auch für andere Bundesländer) verwiesen. Man müsse weitere präventive Massnahmen ergreifen, um die Unfallzahlen generell zu senken. In der Logik des Ministeriums bedeuten hohe Pegel gleichzeitig hohe Geschwindigkeiten. Das Monitoring soll daher nicht als Werkzeug zu Streckensperrungen eingesetzt werden, sondern vorrangig auf die Einführung von Tempolimits! Sperrungen lassen sich, nach Aussage des MVI-Mitarbeiters, nicht duch Lärmwerte oder übermäßige Nutzung einer Fahrzeuggattung durchsetzen, sondern nur durch eine Gefahrenbewertung. D.h. sind auf einem Streckenabschnitt übermäßig viele Todesopfer einer Nutzergruppe (z.B. Motorradfahrer) feststellbar, die sich auch durch Tempolimits nicht senken lassen, kommt es zur Sperrung – nicht anders. Die Reihenfolge ist damit klar: Lärm- & Geschwindigkeitsmessung –> Tempolimit  –>  Analyse Unfallopferzahlen –> Streckensperrung. Weitere Fragen konnte er mir nicht beantworten, da ein Vertreter der Presse sich einmischte und den MVI-Mitarbeiter um ein Interview bat…

Ein sehr interessanter Nachmittag mit vielen Einsichten in die unterschiedlichen Bereiche und Organisationen. Erstaunlich, wie offen und gesprächig alle Parteien waren und bereitwillig Einblicke in ihre Arbeit und Pläne gewährten. Einzig die ebenfalls anwesende Polizei zog den Zorn der Biker in großem Maße mit einer unverständlichen Aktion auf sich! In Presse, Funk und Social Media war der Nachmittag als Präsentation und Informationsveranstaltung beworben und angekündigt worden. Entsprechend war auch die Resonanz – neben der Presse waren mindestens 100 Biker vor Ort, um der Einladung zu folgen und sich vor Ort zu informieren. Die anwesenden Polizeibeamten nutzten aber die Gunst der Stunde, um neben der Infoveranstaltung einen Teil des Motorradtreffs abzugrenzen und eine groß angelegte Kontrollaktion durchzuführen. D.h. alle Biker, die vor 16:00 – dem offiziellen Start der Veranstaltung, erschienen sind hatten Glück. Alle, wirklich alle Biker, die den Beginn verpassten oder nur zufällig an der „Platte“ vorbeifuhren, wurden angehalten, herausgewunken und einer technischen Vollkontrolle inkl. Pegelmessung unterzogen. Zahlreiche Strafzettel für unterschrittene Profiltiefen, unzulässige Anbauten und zu laute Abgasanlagen waren die Folge. Mit dieser Aktion hat man das Vertrauensverhältnis immens auf die Probe gestellt bzw. sogar verletzt – entsprechend wurde die Laune der anwesenden Biker mit fortschreitender Stunde immer geladener und fand seinen Höhepunkt am darauffolgenden Tag auf der Facebook Seite der ebenfalls zum Event ladenden Polizei-Biker-Gruppe „Rennleitung#110“. Diese Kontrolle war mehr als unnötig und hat absolut nicht zu einem entspannten Verhältnis zwischen Polizei und Motorradfahrern beigetragen…

 

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Polizei zieht Biker heraus

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Pro-Vida Bike BMW

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Laser-Geschwindigkeitsmesser

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massive Kontrolle der Biker

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Pressestimmen sind auch online:

http://www.stimme.de/heilbronn/nachrichten/region/Land-will-Motorradlaerm-eindaemmen;art16305,3158192

http://www.welt.de/regionales/baden-wuerttemberg/article130937452/Land-will-laute-Motorraeder-mit-neuer-Technik-aus-dem-Verkehr-ziehen.html

http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/pilotprojekt-in-loewenstein-mit-neuer-technik-gegen-das-zweirad-geknatter/-/id=1622/nid=1622/did=13932738/1hpr4bd/index.html (Video)

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